2018-05-18_Test-Titelleiste_2280x300

Sehnsucht (nicht nur) in Corona-Zeiten

 3. März 2021

Liebe Eltern, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter,

der Impuls zur 1. Fastenwoche warf viele Fragen auf. Ob Sie wohl bei der einen oder anderen „hängenblieben“? Ich tat es und möchte meine Gedanken zur ersten dieser Fragen „Was brauche ich eigentlich?“ mit Ihnen teilen.

Als ich darüber nachdachte, merkte ich, dass ich sie damit verband mich zu fragen: „Was vermisse ich denn?“ Die Antwort scheint leicht und vielleicht haben Sie – wie ich auch – sofort jede Menge alltäglicher Dinge parat, die derzeit immer noch wegfallen müssen. All das, was das ganz normale Leben eben ausmacht. Und es trifft uns hart, auf so vieles davon immer noch verzichten zu müssen. Lassen Sie uns aber noch ein wenig länger bei dem Gedanken verweilen, was wir – Sie, ich – wirklich vermissen. Ist es tatsächlich das Kaffeetrinken in einem Straßencafé, der Kinobesuch, das Shoppen oder Reisen, was uns fehlt? Ist nicht vielleicht einiges davon gar nicht das, was wir bei genauerem Hinsehen vermissen, ja genießen wir jetzt nicht auch vieles, was durch diese Lücke möglich geworden ist – sei es an Zeit mit der Familie, das Zuhause-Sein-Können, das etwas ruhigere Leben? Hat nicht zumindest manches davon nur die eigentliche Lücke, den wirklichen Mangel in unserem Leben überdeckt – während wir von Beschäftigung zu Beschäftigung eilend unterwegs waren und gar nicht dazu kamen, uns diese Frage mal ganz ehrlich und vor uns selbst offen zu stellen? Und was genau war das? Was sollte überdeckt oder überspielt werden, was wollten wir nicht zeigen oder zugeben? Bei allem Verständnis für das „ganz normale Leben“, was uns fehlt, berührt das nicht auch die Frage, was ist es wirklich „wert“ vermisst zu werden? Ist es, dass wir eine berührungslose Gesellschaft geworden sind? Dass wir Abstand halten müssen, wo Nähe gefordert ist? Dass wir uns wünschen, das Aufwachsen unserer Kinder spielerischer und freier gestalten zu können, ja, dass wir jede Leichtigkeit des Seins, so scheint es, verloren haben? Dass etwas einfach nur mal schön sein darf und nicht kompliziert oder gar verboten? Wie haben wir vor dem pandemischen Geschehen unsere Zeit verbracht, mitunter vergeudet und manchmal – auch im besten Sinne – verschwendet? Waren wir in dem, wie wir lebten, nicht oft auch getrieben und häufig froh, wenn die von uns selbst auferlegten Termine „abgehakt“ und erledigt waren? Haben wir die Freiheit, die wir hatten, auch dazu genutzt, sie sinnvoll einzusetzen für das, was uns wirklich wichtig ist? Und rufen wir jetzt nach Normalität, um uns genau da wieder hineinzustürzen?

Daher noch einmal die Frage, was vermissen wir wirklich – und warum? Ist es der Wunsch nach Selbstbestimmung, der Wunsch die Wahl zu haben, um das, was wir tun, auch gerne zu tun? Was also ist es? Vieles wird anders sein „danach“ – nicht nur in der Schule, im Beruf, auch unser Blick auf das Leben und seine Prioritäten werden sich verändert haben. Die Fragilität des Lebens und unser Bewusstsein darüber werden – wie auch nach anderen, existenziellen Ereignissen – zu uns und unserem Leben gehören. So umweht dieses alte Leben etwas von Abschied. Gehen wir also kostbar um mit unserer Zeit. Mit unserem Leben. Mit unseren Ressourcen und besinnen wir uns darauf, was wir wirklich brauchen. Mag sein, dass die Pandemie uns die Tür für eben diese elementare Frage geöffnet hat. Den Schluss hier sollen Worte, die der Schriftsteller Rainer Maria Rilke 1903 in einem Brief an den jungen Dichter Franz Xaver Kappus gerichtet hat, bilden: „Ich möchte Sie bitten Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihren Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst liebzuhaben [..] es handelt sich darum, alles zu leben. Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.“

Diese Geduld, das Bewegen der Frage(n) in Ihrem Herzen, die Zuversicht und das Vertrauen, dass sich in uns die Antworten bilden und aus unserem Innersten hervortreten, sei uns allen gegeben, so schwierig es ist. Um das Vakuum, in dem wir derzeit alle verhaftet sind, neu zu beleben und zu füllen. Denn ohne uns die wirklich wichtigen Fragen zu stellen, werden wir auch nur unbefriedigende Antworten erhalten.  

Mit einem herzlichen Gruß auf diesem Weg nach Ostern zu,

Barbara Massing