// Prof. Dr. R. Dollase
Das hatten die sehr zahlreich erschienenen Zuhörer mit Sicherheit nicht erwartet: dass ein so ernstes und
konfliktreiches Thema wie Erziehung so viel Lachen und Heiterkeit hervorrufen kann, wie es an diesem Abend vielfach geschehen ist. Selten war bei einem Schulgespräch die Stimmung im Auditorium lockerer als bei diesem schwierigen Thema.
Geschuldet ist dies dem launigen Referenten, Prof. Dollase, der einerseits als emeritierter Erziehungswissenschaftler und Psychologe die Früchte jahrzehntelanger vor allem empirischer Forschung im Bereich (schulischer) Erziehung eingefahren hat und sich so große Kompetenz in diesem Bereich aneignen konnte, der andererseits aber auch mit Demut, Bescheidenheit und Selbstironie die Grenzen der Wissenschaft und aller Erziehungskonzepte herausstellte. Dass er dabei ausführlich und gerne sich selbst und seine weitläufige Familie darstellte mit recht wundersamen Biografien, gespickt mit Beispielen von Versagen, Teilniederlagen oder Karriereabbrüchen, die aber über unvorhersehbare Windungen und Wendungen des Lebens, Selbstreflexion und Weiterentwicklung der Persönlichkeit letztlich doch glückliche, zufriedene und erfolgreiche Existenzen und Familien erzeugten, führte im gespannt lauschenden Auditorium nicht nur zu zahlreichen Heiterkeitsausbrüchen, sondern diese Art des Vortrags setzte auch ein Grundprinzip seiner Erkenntnis über Erziehung um: 1. Es geht um Vertrauen: Erzieher müssen Kompetenz und Glaubwürdigkeit vermitteln; das Kind muss vertrauen können, dass der Erzieher weiß, wovon er spricht und dass er in der Lage ist, ihn die Realität der Welt erkennen zu lassen; 2. Erziehung ist die Kombination aus Führung und Zuwendung: Regeln vereinbaren und kontrollieren: ja - aber verknüpft mit Herzlichkeit und Hinwendung, die Vertrauen beim Kind schafft. Keine moralinsaure Regeldurchsetzung um jeden Preis und einseitige Akzentuierung von Disziplin, sondern autoritative, kompetenz- und vertrauenbasierte Begleitung des Jugendlichen. So ist für Dollase gerade die als besonders schwierig konnotierte Pubertät eine Entwicklungsphase mit einem ungeheuer großen positiven Potential, das bei richtiger Wahrnehmung der Jugendlichen und entsprechender Hinwendung zur produktivsten Zeit in der Schule werden könnte.
Direkt zu Beginn hatte der Referent zur Entlastung aller sich redlich, aber erfolglos (?) an der Erziehungsfront Bemühenden festgestellt: Entgegen vielen Suggestionen in Fernsehsendungen und auf einem reich sortierten Büchermarkt gibt es nicht das eine Erfolg garantierende Erziehungsrezept, ist Erziehung ein komplexer Vorgang, dessen Ergebnis nicht programmierbar ist, weil es multifaktoriell bedingt ist und weil es eine Vielzahl von Miterziehern gibt, deren Einwirken nicht zu verhindern ist. So rechnete er zunächst mit vielen (monokausalen) Mythen zur Erziehung ab, die vorgeben, die Stellschraube für Erfolg und Misslingen von Erziehung gefunden zu haben - und deren Handhabung entsprechend vermarkten.
Ein weiterer anregender Gedanke: Krisen, Brüche, Niederlagen, Versagen sind menschlich, sind wichtiger, unverzichtbarer und zu ertragender Teil menschlicher Existenz; der Mensch bedarf ihrer, um zu wachsen, sich weiterzuentwickeln und wirkliche persönliche Siege zu erleben. Der Referent verwies darauf, dass ein religiös geprägter Mensch dazu viel Ermutigendes in den Texten und Überzeugungen seines Glaubens finden kann.
Dieser Gedanke sollte gerade für uns als christliche Schule Bestätigung, Ansporn und Herausforderung sein.