Chemie habe ich nie verstanden!   

Elke Höflich

So oder so ähnlich lautet regelmäßig die Reaktion von Menschen mittleren Alters auf die Aussage, man sei Chemielehrer. Sicher man könne sich noch gut an die Unterrichtsstunde erinnern, als der Chemielehrer verzweifelt versuchte, die brennende Apparatur zu löschen. Auch an den typischen Geruch in den Fachräumen erinnert man sich noch gut. Fachlich gesehen erschöpft sich der Kenntnisstand dann meistens jedoch lediglich auf die Formel von Wasser.

Chemie, ein gänzlich unattraktives Fach?

Fünf Chemieleistungskurse in Folge sowie konstant vier Grundkurse in Jahrgangsstufe 11 sprechen dagegen. Doch woher kommt der Sinneswandel?
Nach wie vor muten wir Schülerinnen und Schülern einiges zu. Nachdem sie geschluckt haben, dass auch ihr eigener Körper aus den verrufenen Atomkugeln besteht, müssen sie wenig später „einsehen", dass diese Kugeln aus ( fast ) Nichts bestehen. In Jahrgangsstufe 11 wird die Vorstellungskraft dann endgültig überstrapaziert: Man weiß noch nicht einmal genau, an welcher Stelle sich dieses „Nichts" befindet ! Zugegeben : Das hört sich nicht motivierend an. Weshalb wählt dann überhaupt jemand freiwillig Chemie in der Oberstufe?

Wenn man zunächst lernen muss, dass Atome ( fast ) aus Nichts bestehen, ist man kaum gewillt, weiter darüber nachzudenken. Ist man jedoch selber zu der Erkenntnis gekommen, dass Versuchsergebnisse und eigene Überlegungen nahe legen, dass Atome wahrscheinlich aus Nichts bestehen, ist dieses Unvorstellbare schon eher zu akzeptieren. Und hier liegt wahrscheinlich der wesentliche Unterschied zwischen dem früheren und dem modernen Unterricht im relativ jungen Fach Chemie. Die Modellvorstellung ( von älteren oft als „Formel" bezeichnet) müssen nicht einfach auswendig gelernt werden. Sie werden selbst gefunden und verlieren daher den Charakter einer unverständlichen Geheimsprache.

Dazu kommen die erweiterten experimentellen Möglichkeiten für die Schülerinnen und Schüler. Dank der Mittel des Erzbistums und der großzügigen Spende des Fördervereins ist es seit einem Jahr möglich, in zwei Fachräumen Schülerübungen durchzuführen. Eigene Experimente sind wichtig, denn nur sie werden von Schülerinnen und Schülern als „echte" Experimente verinnerlicht. Ausgehend von der selbstgemachten Beobachtung verliert die eigenständig erdachte „Formel" ihren Schrecken.

So bleibt zu hoffen, dass in fünfzehn Jahren die Reaktion der dann 35-Jährigen auf die Aussage, ich sei Chemielehrerin lautet: „Chemie? fand ich gut!".