Kinder-Nikolaus?
Die
Wahl des Kinderbischofs geht auf eine sehr alte Tradition zurück. In
den mittelalterlichen Dom-, Stifts- und Klosterschulen und Kirchen
mit dem Patrozinium des Hl. Nikolaus war der 6. Dezember
Hochfeiertag. Der Hl. Nikolaus von Myra war der Patron der Schüler.
Darum begann mit der ersten Vesper am Abend des 5. Dezember ein Fest
eigener Prägung.
Im heiligen Nikolaus sahen besonders
die Schüler ihren Schutzpatron.
Denn der Heilige hatte der Legende nach drei dem Tode geweihte
Schüler in einem entlegenen Wirtshaus im Pökelfass entdeckt und sie
wieder zum Leben erweckt.
Die Schüler wählten einen der Ihren
zum Bischof oder Abt. Für den Gewählten lagen die Insignien wie
Stab, Ring und Mitra und das entsprechende Ornat bereit. Die
geistlichen Herren sangen am 5. Dezember – dem Vorabend zu St.
Nikolaus - die erste Nikolausvesper. Aber sie kamen nur bis zum Vers
des Magnifikat "Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die
Niedrigen". In diesem Augenblick zog die Prozession der Schüler mit
ihrem Kinderbischof ein. Die hochwürdigen Herren mussten das
Chorgestühl räumen. Auch der Bischof oder der vergleichbare
Stiftsvorsteher musste seinen Sitz verlassen und räumte ihn dem
Kinderbischof. Die Mitglieder des Kapitels oder des Konventes
tauschten ihre Plätze mit den Schülern. Nun zelebrierte der
Kinderbischof die Vesper zu Ende.
Von jetzt ab hatte er alle Rechte des
Vorstehers zu erfüllen. Dazu gehörte besonders das klösterliche bzw.
stiftische Schuldkapitel. Da wurden die alten Herren vor den Thron
des Jungbischofs gerufen, um sich ihrer Schuld anzuklagen. Der
Lateinlehrer, der das Jahr über zu viele Aufgaben verlangte, der
Koch, der zu viel Wasser in die Suppe tat, der Präfekt, der die Rute
zu oft gebrauchte. Der Kinderbischof rügte, ermahnte, strafte, gab
aber auch Belohnung und Anerkennung in Form von Süßigkeiten.
In ganz Europa gab es im Mittelalter Kinderbischöfe. Sie wurden am
Vorabend des Nikolaustages eingesetzt und blieben meistens für einen
Tag im Amt. Der "echte" Bischof konnte während dieser Zeit
"verkehrte Welt" spielen. Weltliche und kirchliche Repräsentanten
hatten sich peinlichen Befragungen zu stellen.
Das Ganze war ein Spiel des Zukünftigen im doppelten Sinne. Zum
einen wurde schon jetzt vor "Gericht" gestellt, was an Fehlern und
Schwächen im irdischen praktiziert wird und zur Umkehr aufgerufen.
Zum anderen würde ja der Tag kommen, da die jetzt Kleinen
emporgestiegen sein würden und selbst ihren einstigen Lehrern und
Vorgesetzten Lob und Tadel zuerkennen sollten.
Mancherorts wurde und
wird dieses liturgische Spiel des Rollentausches am Tag der
Unschuldigen Kinder, am 28. Dezember, gespielt. Ein Spiel voll
jubelnder Fröhlichkeit, aber auch voll nachdenklichen Ernstes!
Die Nikolausvesper wurde zum Zukunftsspiel.
Das Amt war ausgesprochen begehrt. In Hamburg gab es einen
regelrechten Wettbewerb angesehener und wohlhabender Familien um die
Besetzung der Kinderbischofspositionen mit ihren Söhnen. Bei der
Einführung wurden den Kindern bischöfliche Gewänder angelegt und die
Insignien überreicht: Stola, Hut, Stab und Ring. Wie wichtig die
daran anschließende Kinderbischofspredigt genommen wurde, zeigt eine
erhaltene Ansprache, die kein Geringerer als Erasmus von Rotterdam
verfasste. Nach der Einführung ritt der Kinderbischof hoch zu Pferde
durch die Stadt und beschenkte arme Kinder. Mehrmals losten
spöttische Äußerungen von Kinderbischöfen, die gegen Senatoren oder
Mitglieder des Domkapitels gerichtet waren, Unruhen aus. Der
Hamburger Senat sah sich 1304 veranlasst, eine Vereinbarung zu
treffen, die allzu satirische Verlautbarungen der Kinderbischöfe
unterbinden sollte. Gleichzeitig begrenzte man die finanzielle
Aufwendung, die das jeweilige Elternhaus aufzubringen hatte. Von nun
an konnten auch Kinder weniger reicher Familien zu Kinderbischöfen
gewählt werden.
Im 16. Jahrhundert geriet die Tradition in Vergessenheit. Die
letzten Spuren finden sich 1634 in Jena und 1774 in der Schweiz.
1900 wurde die Tradition erstmals in Fribourg und 1978 in Luzern
wieder neu belebt.
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