"Die Schwestern vom armen Kinde Jesus"

Vor 100 Jahren starb die Ordensgründerin Clara Fey

Prälat Erich Läufer, Chefredakteur der Kirchenzeitung für das Erzbistum Köln

Fey-letzt.jpg (3399 Byte)Nicht nur in Aachen, wo Clara Fey als Tochter eines wohlhabenden Tuchfabrikanten am 11. April 1815 geboren wurde, sondern überall im Europa des vorigen Jahrhunderts waren die bedrückenden Zustände schamloser Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen in Fabriken und in Bergwerken nicht zu übersehen. Oft arbeiteten erst vierjährige Kinder in zugigen Hallen, und deren zehnjährigen Geschwister hatten zehn Stunden und mehr täglich zu schuften, um halbwegs das häusliche Elend zu mildern. Die Mietshäuser, aus denen die Kinder meistens noch vor Sonnenaufgang für einen Hungerlohn zur Arbeit geschickt wurden, waren eng und feucht. In den erbärmlichen Behausungen blieben Krankheiten nicht aus. Kindesverwahrlosungen waren nicht selten.

 Erste Armenschule
Auch in Aachen machten sich die Folgen der Frühindustrialisierung und die Mechanisierung der Tuchherstellung in der Verelendung mancher Familien bemerkbar. Um so mehr musste es Aufsehen erregen, wenn die großzügige Hausherrin Katharina Fey ihr geräumiges, großbürgerliches Haus für regelmäßige Sonntagsgespräche zur Verfügung stellte. Religiös und zugleich sozial motivierte Laien und Priester nahmen daran teil. Darunter auch die Tochter Clara und deren Freundinnen Leocadia Startz, Wilhelmine Istas und Louise Vossen. Immer wieder kam in diesen Runden die Sprache auf die Situation der Kinder, die auf den Straßen der ehe betulichen Kaiser- und Bäderstadt herumstreunten, auf die Lage der Waisenkinder und die Gefährdung verwahrloster Jugendlicher. Vor allem Clara und ihre Freundinnen wollten etwas tun, und so kam es schließlich zur Gründung der ersten Armenschule Aachens am 3. Februar 1837.
War das nur ein frommer Spleen überspannter Mädchen aus wohlhabenden Häusern? Damals spottete eine unverständige Nachbarschaft: „Die sind verrückt geworden." Es war Wasser auf die Mühlen der Kritiker, als die „frommen Fräuleins" in der oberen Bendelstraße ein Zimmer mieteten, alte Bücher und Schiefertafeln sammelten und die e
rsten Kinder damit ins „Schülchen" lockten, in dem sie ihnen neue Holzschuhe schenkten.Fey1860.jpg (3359 Byte)
Aber es war mehr als nur eine vorübergehende Idee! Nicht nur im Elternhaus, sondern auch in der Schule war dem Kreis um Clara der Blick für die Not des Mitmenschen in der allernächsten Umgebung geöffnet worden. Was eine glaubwürdige Lehrerin vermag, erweist sich in Luise Hensel. Die Dichterin war in der „Städtischen weiblichen Erziehungsanstalt St. Leonhard" Lehrerin der Mädchen aus gutbürgerlichen Familien. Zu den Persönlichkeiten, die aus dieser Schule hervorgingen, gehören drei Ordensgründerinnen: Pauline von Mallinckrodt, Franziska Schervier und Clara Fey.

Als die tiefe Gottesbeziehung in Clara Fey so herangereift war, dass sie auch ihre besondere persönliche Berufung erkannte, schloss sie sich mit ihren Freundinnen zu einer festen Gemeinschaft zusammen. Wer sich fortan zu den "Schwestern vom armen Kinde Jesus" zählen wollte, musste die Bedingungen einer Güter- und Lebensgemeinschaft mit der Verpflichtung zum ehelosen Leben eingehen. Die Gründerinnen legten von Anfang an Wert auf diesen Namen, weil er die geistliche Grundausrichtung des neuen Ordens verdeutlichen sollte. Die Schwestern verpflichteten sich, für die an Leib und Seele bedürftigsten Kinder da zu sein. Clara Fey war in diesem Punkt unnachgiebig: „Wir müssen aus dem Glauben leben und in jedem Kind ihn sehen, der für uns Kind geworden ist. Wenn der Herr in seiner Erniedrigung und Liebe soweit geht, dass er mit jedem Kind, mit dem ärmsten und verlassensten, mit dem körperlich und geistig elendsten, die Gleichstellung eingeht, die in seinen Worten liegt, so wird es nur recht und billig sein, wenn wir die Kinder so hoch achten und so sehr lieben, wie es diese Gleichstellung verlangt."

Schon am 12. Mai 1869 wurde die Gründung Clara Feys von Papst Pius IX. als Ordensgemeinschaft päpstlichen Rechtes anerkannt. Papst Leo XIII. bestätigte 1888 die Konstitutionen. Der neue Frauenorden verband auf eine für damalige Verhältnisse eher unübliche Weise das beschauliche mit dem tätigen, selbstlosen Leben für die Kinder. Mutter Clara, wie sie von den Mitschwestern später genannt wurde, hat nie einen Zweifel daran gelassen, dass jedes äußere Tun aus dem Innern kommen muss und jede äußere Tat innerlich näher zu Gott bringen muss.

„Bleibet in mir"
Die ganz besondere geistliche Mitte des Ordens wurde die Eucharistie. Der lebendige Mitvollzug der heiligen Messe stärkte die Glieder untereinander. Bis vor einigen Jahren trugen die Schwestern als Ordenskennzeichen über ihrem Habit eine ovale Medaille mit der Darstellung der Monstranz. Auf dem neueren Medaillon ist diese bildliche Darstellung verschwunden, aber immer noch ist das Lieblingswort der Gründerin zu lesen „manete in me - bleibet in mir". Es meint, in der Liebe zu bleiben, die Gott in Jesus eröffnet hat. Wer in diesem Ursprung bleibt, darf darin nach den Vorstellungen von Mutter Clara eine Garantie nie ersterbender Neuheit sehen.simpelveld.jpg (10874 Byte)
Nach anfänglichen Schwierigkeiten breitete sich die neue Gemeinschaft rasch aus. Zwischen dem Revolutionsjahr 1848 und dem Ausbruch des Kulturkampfes 1872 wurden 27 größere und kleinere Niederlassungen gegründet. Die Schwestern arbeiteten in Kinderheimen, in Waisenhäusern und verschiedenen Schulen. Dennoch drohte die blühende Gemeinschaft von fast 600 Schwestern im Kulturkampf, den Bismarck in Preußen begonnen hatte, unterzugehen. Bis auf ein Haus in Aachen-Burtscheid, wo kranke und pflegebedürftige Schwestern bleiben konnten, wurden die Klöster rücksichtslos geschlossen. Über die Grenzen verjagt, mussten sich die Ordensfrauen im Ausland andere Tätigkeitsfelder suchen. Ins niederländische Simpelfeld, nahe der Grenze zu Aachen, wurde das Generalmutterhaus verlegt. Bis heute hat die Ordensleitung hier ihren Sitz. Auch Mutter Clara hatte 1878 als „Verbannte" Deutschland zu verlassen. Am 8. Mai 1894 ist sie in „Haus Loreto" in Simpelfeld gestorben.

Neugründungen
Nach dem Ende des Kulturkampfes durften die Schwestern wieder nach Deutschland zurück. Im Bereich der heutigen Erzdiözese Köln sind sie jetzt noch mit 86 Schwestern in den Niederlassungen Neuss-Marienberg, Köln-Kalk, Leverkusen-Schlebusch, Lohmar-Hollenberg und Bad Godesberg tätig.
Wehmütig mag daran erinnert sein, dass
früher einmal viele andere Ordenshäuser in Bonn, Düsseldorf, Köln, Bergisch Gladbach, Wachendorf und Sinzenich bestanden haben. Fehlender Ordensnachwuchs führte zur Schließung einiger Häuser. In der deutschen Provinz, die von Aachen-Burtscheid aus geleitet wird, leben insgesamt 200 „Schwestern vom armen Kinde Jesus". Mutter Clara Feys Erbe verwalten weltweit 882 Schwestern in 83 Konventen. Man trifft die Schwestern in Indonesien und in den Niederlanden, in Belgien, Kolumbien, Luxemburg und auch in Österreich. Seit kurzem gibt es Neugründungen in Lettland und Peru.

Wohl der Mitmenschen
Ob Clara Fey einmal wie ihre beiden Aachener Zeitgenossinnen Franziska Schervier und Pauline von Mallinckrodt selig gesprochen wird? Der dafür notwendige Prozess ist in den letzten Jahren einigermaßen vorangekommen. Papst Johannes Paul II. hat der Ordensgründerin am 14. Mai 1991 den „heroischen Tugendgrad" feierlich zuerkannt. Den vielen Aufzeichnungen der Mutter Clara kann man entnehmen, dass sie nie Ehre für sich gesucht hat. In einer Konferenz (1. Dezember 1850) ermahnte sie ihre Mitschwestern: „Der sicherste und beste Beweis einer wahren, echten Gottesliebe ist die Liebe, die wir unserem Nächsten erzeigen. Wie manche hat nicht den Kopf und den Mund voll von der Liebe Gottes, und wenn es auf die Ausübung der Nächstenliebe ankommt, sieht man, daß alles Einbildung und Selbsttäuschung war. Wenn wir Gott wahrhaft lieben, so liegt uns das Wohl des Mitmenschen am Herzen."

Der  Artikel ist - unter Weglassung der Fotografien [Ersatz durch andere Fotos] - der „Kirchenzeitung Köln" [21/94 - S. 16f.] entnommen.
Wir danken für die Erlaubnis der Veröffentlichung!