Norbert Henrichs: Leben, Wunder, und Tugenden, des H. Swiberti                                                      

Einleitung

Es ist nicht viel, was wir mit historischer Sicherheit von Swi(d)bert, dem angelsächsischen Mönch wissen, der kurz vor 700 mit dem Bau von Kirche und Kloster auf der ihm von Pippin von Heristal unter Vermittlung seiner Gemahlin Plektrudis überlassenen Rheininsel zum Begründer des seit dem 14. Jh. so genannten Kaiserswerth wurde. Die Vita.jpg (23156 Byte)wenigen Fakten verdanken wir bekanntlich Beda dem Ehrwürdigen, der in seiner Kirchengeschichte (735) zu berichten weiß, daß der inzwischen zum Bischof geweihte Swidbert nach Rückkehr Willibrords aus Rom, zu dessen in Friesland missionierenden Gruppe er ursprünglich gehörte, im Gebiet der Borukterer zwischen Lippe und Ruhr ein eigenes Wirkungsgebiet übernahm, sich nach Einfall der Sachsen aber auf die erwähnte Rheininsel zurückziehen mußte und dort schließlich nach einem "eingezogenen Leben" verstarb. Das Todesjahr Swidberts nennt Beda nicht. Die Tradition hielt lange Jahrhunderte am 1. März 717 fest, die Annales Petaviani machen aber das Jahr 713 wahrscheinlicher.

Die Erinnerung an Swidbert muss über Kloster und Insel hinaus von Anfang an recht lebhaft und nachhaltig gewesen sein, wie frühe Aufnahmen seines Gedenktages in verschiedene liturgische Kalender erkennen lassen und zumal die Verehrung seiner Gebeine beweist, die im 13. Jh. mit ihrer Erhebung und Bettung in einen kostbaren Schrein einen besonderen Höhepunkt fand. Sieht man von einem Hymnus des Utrechter Erzbischofs Radbod aus dem 10. Jh. ab, gibt es aber leider keine frühen Aufzeichnungen, die uns näheren Aufschluss über Swidbert und das ihm gewidmete Gedenken geben könnten, ein offensichtlicher Mangel, den schließlich eine gegen Ende des 15. Jh. von den Niederlanden her in Kaiserswerth auftauchende Lebensbeschreibung (Vita) des hl. Swidbert auszugleichen suchte. Als Verfasser nennt sie einen angeblichen Begleiter Swidberts, Marcellinus. Beigefügt ist ein Brief des ersten Münsteraner Bischofs Ludger u.a. mit einer Nachricht über Swidberts Heiligsprechung. Die Vita chronogramm.jpg (31584 Byte)schildert Leben und Wirken des Kaiserswerther Heiligen überaus phantasievoll und wunderreich. Längst als "Fälschung" erkannt, ist sie zwar historisch ohne Wert, nicht übersehen werden darf aber, dass sie durch zahlreiche Drucklegungen - zum ersten Mal 1508 - eine starke Verbreitung gefunden und zumal die Kaiserswerther Swidbertverehrung über Jahrhunderte hin geprägt hat, auch wenn die dortigen Stiftsherren sich schon früh mit Echtheitszweifeln auseinandersetzen mussten. Zur Tausendjahrfeier des Todes des hl. Swidbert im Jahre 1717 und noch einmal fünfzig Jahre später veranlassten die Kanoniker aber gleichwohl Neudrucke der Vita divi Swiberti beim Hofdrucker Stahl in Düsseldorf. Als Vorlage diente, wie eine Nachricht im Pfarr-Archiv von St. Suitbertus ausweist, eine (von Jesuiten überarbeitete) Version, die 1628 in Münster erschienen war.

Für das Volk wurde freilich eine deutschsprachige Fassung benötigt. Seit der Karthäuser Laurentius Surius im 16. Jh. Heiligenviten für alle Tage des Jahres in einem monumentalen Werk versammelt hatte, darunter unter dem 1. März auch die vollständige lateinische Swidbert-Vita, und gegen Ende desselben Jahrhunderts zunächst Heinrich Fabricius, Weihbischof von Speyer, dann ab 1613 in seiner Nachfolge Valentin Leuchtius verdeutschte Fassungen des Surius herausgaben, lag im Prinzip ein solcher Volkstext vor, auch wenn er als Bestandteil eines mehrbändigen Werkes höchst unhandlich war. Im Falle der Swidbert-Vita erwies sich der deutsche Text freilich nicht als Übersetzung, sondern als eine kurzgefaßte Nacherzählung. Eine ebenfalls nacherzählende Kurzfassung, nicht aber eine Übersetzung, des Marcellinus-Textes bietet auch die jetzt hier als Faksimile-Ausgabe - nach einer Vorlage aus dem Besitz des Stadt-Archivs Düsseldorf - wieder zugänglich gemachte deutschsprachige Lebensbeschreibung des hl. Swidbert. Wie einzelne Formulierungen nahelegen, hat ihr uns (bislang) unbekannter Verfasser zwar den Fabricius-Text benutzt, ihn aber nicht übernommen. Der Text ist eigenständig. Er bietet zudem eine Kapiteleinteilung, die Fabricius nicht kennt, und bezieht sich dabei ausdrücklich auf die jeweils entsprechenden Abschnitte in der Marcellinus-Vita. Originell sind sodann die kleinen Stahlstiche (von ebenfalls unbekannter Hand) vor jedem Kapitelanfang sowie die den Kapitelinhalt zusammenfassenden vierzeiligen Reime.

Wie das Chronogramm auf dem Titelblatt ausweist, stammt die Vorlage unserer Faksimile-Ausgabe aus dem Jahre 1767. Anlass des Drucks war die tausendfünfzigste Wiederkehr des Todesjahres des hl. Swidbert. Das Titelblatt nennt die Ausgabe eine Neuauflage. Und in der Tat kennen wir eine (von leichten Änderungen im Titel, vom Text der kirchlichen Druckerlaubnis und vom Nachwort abgesehen) inhaltsgleiche, wenn auch typographisch verschiedene - wie Suit-Bild.jpg (28020 Byte)die lateinischen Ausgaben bei Stahl in Düsseldorf gedruckte - Edition aus dem Jahr der Millenniumsfeier 1717. Das Pfarrarchiv besitzt nur eine nicht reproduktionsfähige Kopie ohne Hinweis auf deren Herkunft. Ein Originalexemplar ist bislang noch nicht wieder aufgetaucht. Aber selbst der Druck von 1717 ist lediglich ein Nachdruck. Auf seiner Titelseite wird auf eine Ausgabe verwiesen, die in das Jahr 1647 datiert. Leider ist auch von dieser Edition kein Exemplar zugänglich. Eine im Pfarr-Archiv erhaltene Notiz scheint auf Textgleichheit und gleiche Ausstattung dieser Vorlage mit dem Druck von 1717 hinzuweisen. Der Anlass der Ausgabe von 1647 macht es wahrscheinlich, dass es sich hier um die Erstausgabe handelte: Genannt wird die tausendste Wiederkehr des Geburtsjahres des hl. Swidbert. Die Marcellinus-Vita und entsprechend auch der deutsche Fabricius-Text nennen in der Tat das Jahr 647. In den uns einsichtigen Nachdrucken von 1717 und 1767 ergibt sich freilich für das Geburtsjahr Swidberts erst 648 oder 649.

Nach 1767 gab es offenbar keine weiteren Drucke der hier vorlegten Fassung mehr. Wohl war das "Leben des hl. Swibert", zumal bei den besonderen Feierlichkeiten, die in Kaiserswerth, soweit die politischen Umstände es zuließen, alle fünfundzwanzig Jahre mit einer Öffnung des Schreins stattfanden, weiterhin regelmäßig Vorlage z.B. von Predigtzyklen, fand aber, wie deren Veröffentlichungen ausweisen, eine nicht nur sprachlich sondern auch inhaltlich neue Form. Der Geist der Aufklärung hinterließ nämlich auch in diesen Predigten seine Spuren. Zwar sprach man noch von wunderbaren Ereignissen im Leben des Heiligen, aber dies nur noch höchst allgemein. Auf eine detaillierte Ausmalung, an der man sich in den früheren Jahrhunderten so erfreut hatte, verzichtete man aber jetzt. Seit dem 19. Jh. wurden die Lebensdaten Swidberts dann mehrfach auch zum Gegenstand aufgeklärter populärer wie wissenschaftlich-kritischer Auseinandersetzungen. Das Verdikt der Fälschung wurde nun ein für alle Mal gegen die Marcellinus-Vita ausgesprochen, die damit aus dem Kreis der ernsthaft befragten und benutzten Quellen endgültig ausgeschieden wurde, nicht wert, sich ihrer weiter zu erinnern.

Nun scheint es aber, als solle mit der hier vorgelegten Faksimile-Ausgabe eine Wiederbelebung der alten Vita, wenn auch in ihrer verkürzten deutschen Fassung, eingeleitet werden. Muss dieser Rückgriff auf einen Text, der seinem Gehalt nach unhistorisch und seinem Geist nach weit vor die Aufklärung zurückführt, jetzt, da inzwischen 1300 Jahre nach der Ankunft Swidberts auf dem Werth im Rhein vergangen sind, nicht wie ein unzumutbarer Rückschritt erscheinen, will man das Büchlein nicht als bloße Kuriosität und bestenfalls unter rein literarischen Gesichtspunkten betrachten? Die Antwort heißt: Die 1300-Jahrfeier kann das Gedenken nicht allein auf die Anfänge richten, sondern muss auch die Tradition einbeziehen, die diese Anfänge mit der heutigen Zeit verbindet. Zu dieser Kaiserswerther Tradition gehören aber eben auch die vielfältigen Formen der Verehrung des Ortsheiligen, und die wurden über lange Zeiten - das ist ein Faktum - beeinflusst von den Legenden und Wundergeschichten der Marcellinus-Vita. Sie als "übles Machwerk" abzutun, wie dies seit dem 19. Jh. üblich wurde, wird ihrer Wirkung nicht gerecht. Sie soll daher mit dieser Ausgabe rehabilitiert werden. Die Wundergläubigkeit unserer Vorfahren können wir bei der Lektüre sicher nicht mehr teilen, aber vielleicht doch verstehen lernen, nämlich als Ausdruck von Hoffnung auf eine bessere Welt. Für ein Leben aus solcher Hoffnung hatten die Menschen in Kaiserswerth immer ein Vorbild: den hl. Swidbert. >>> Kapitel 1