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Norbert Henrichs: Leben, Wunder, und Tugenden, des H. Swiberti Einleitung Es ist nicht viel, was wir
mit historischer Sicherheit von Swi(d)bert, dem angelsächsischen Mönch wissen, der kurz
vor 700 mit dem Bau von Kirche und Kloster auf der ihm von Pippin von Heristal unter
Vermittlung seiner Gemahlin Plektrudis überlassenen Rheininsel zum Begründer des seit
dem 14. Jh. so genannten Kaiserswerth wurde. Die
Die Erinnerung an Swidbert muss über Kloster und Insel hinaus von
Anfang an recht lebhaft und nachhaltig gewesen sein, wie frühe Aufnahmen seines
Gedenktages in verschiedene liturgische Kalender erkennen lassen und zumal die Verehrung
seiner Gebeine beweist, die im 13. Jh. mit ihrer Erhebung und Bettung in einen kostbaren
Schrein einen besonderen Höhepunkt fand. Sieht man von einem Hymnus des Utrechter
Erzbischofs Radbod aus dem 10. Jh. ab, gibt es aber leider keine frühen Aufzeichnungen,
die uns näheren Aufschluss über Swidbert und das ihm gewidmete Gedenken geben könnten,
ein offensichtlicher Mangel, den schließlich eine gegen Ende des 15. Jh. von den
Niederlanden her in Kaiserswerth auftauchende Lebensbeschreibung (Vita) des hl. Swidbert
auszugleichen suchte. Als Verfasser nennt sie einen angeblichen Begleiter Swidberts,
Marcellinus. Beigefügt ist ein Brief des ersten Münsteraner Bischofs Ludger u.a. mit
einer Nachricht über Swidberts Heiligsprechung. Die Vita
Für das Volk wurde freilich eine deutschsprachige Fassung benötigt. Seit der Karthäuser Laurentius Surius im 16. Jh. Heiligenviten für alle Tage des Jahres in einem monumentalen Werk versammelt hatte, darunter unter dem 1. März auch die vollständige lateinische Swidbert-Vita, und gegen Ende desselben Jahrhunderts zunächst Heinrich Fabricius, Weihbischof von Speyer, dann ab 1613 in seiner Nachfolge Valentin Leuchtius verdeutschte Fassungen des Surius herausgaben, lag im Prinzip ein solcher Volkstext vor, auch wenn er als Bestandteil eines mehrbändigen Werkes höchst unhandlich war. Im Falle der Swidbert-Vita erwies sich der deutsche Text freilich nicht als Übersetzung, sondern als eine kurzgefaßte Nacherzählung. Eine ebenfalls nacherzählende Kurzfassung, nicht aber eine Übersetzung, des Marcellinus-Textes bietet auch die jetzt hier als Faksimile-Ausgabe - nach einer Vorlage aus dem Besitz des Stadt-Archivs Düsseldorf - wieder zugänglich gemachte deutschsprachige Lebensbeschreibung des hl. Swidbert. Wie einzelne Formulierungen nahelegen, hat ihr uns (bislang) unbekannter Verfasser zwar den Fabricius-Text benutzt, ihn aber nicht übernommen. Der Text ist eigenständig. Er bietet zudem eine Kapiteleinteilung, die Fabricius nicht kennt, und bezieht sich dabei ausdrücklich auf die jeweils entsprechenden Abschnitte in der Marcellinus-Vita. Originell sind sodann die kleinen Stahlstiche (von ebenfalls unbekannter Hand) vor jedem Kapitelanfang sowie die den Kapitelinhalt zusammenfassenden vierzeiligen Reime. Wie das Chronogramm
auf dem Titelblatt ausweist, stammt die Vorlage unserer Faksimile-Ausgabe aus dem Jahre
1767. Anlass des Drucks war die tausendfünfzigste Wiederkehr des
Todesjahres des hl. Swidbert. Das Titelblatt nennt die Ausgabe eine Neuauflage. Und in der
Tat kennen wir eine (von leichten Änderungen im Titel, vom Text der kirchlichen
Druckerlaubnis und vom Nachwort abgesehen) inhaltsgleiche, wenn auch typographisch
verschiedene - wie
Nach 1767 gab es offenbar keine weiteren Drucke der hier vorlegten Fassung mehr. Wohl war das "Leben des hl. Swibert", zumal bei den besonderen Feierlichkeiten, die in Kaiserswerth, soweit die politischen Umstände es zuließen, alle fünfundzwanzig Jahre mit einer Öffnung des Schreins stattfanden, weiterhin regelmäßig Vorlage z.B. von Predigtzyklen, fand aber, wie deren Veröffentlichungen ausweisen, eine nicht nur sprachlich sondern auch inhaltlich neue Form. Der Geist der Aufklärung hinterließ nämlich auch in diesen Predigten seine Spuren. Zwar sprach man noch von wunderbaren Ereignissen im Leben des Heiligen, aber dies nur noch höchst allgemein. Auf eine detaillierte Ausmalung, an der man sich in den früheren Jahrhunderten so erfreut hatte, verzichtete man aber jetzt. Seit dem 19. Jh. wurden die Lebensdaten Swidberts dann mehrfach auch zum Gegenstand aufgeklärter populärer wie wissenschaftlich-kritischer Auseinandersetzungen. Das Verdikt der Fälschung wurde nun ein für alle Mal gegen die Marcellinus-Vita ausgesprochen, die damit aus dem Kreis der ernsthaft befragten und benutzten Quellen endgültig ausgeschieden wurde, nicht wert, sich ihrer weiter zu erinnern. Nun scheint es aber, als solle mit der hier vorgelegten Faksimile-Ausgabe eine Wiederbelebung der alten Vita, wenn auch in ihrer verkürzten deutschen Fassung, eingeleitet werden. Muss dieser Rückgriff auf einen Text, der seinem Gehalt nach unhistorisch und seinem Geist nach weit vor die Aufklärung zurückführt, jetzt, da inzwischen 1300 Jahre nach der Ankunft Swidberts auf dem Werth im Rhein vergangen sind, nicht wie ein unzumutbarer Rückschritt erscheinen, will man das Büchlein nicht als bloße Kuriosität und bestenfalls unter rein literarischen Gesichtspunkten betrachten? Die Antwort heißt: Die 1300-Jahrfeier kann das Gedenken nicht allein auf die Anfänge richten, sondern muss auch die Tradition einbeziehen, die diese Anfänge mit der heutigen Zeit verbindet. Zu dieser Kaiserswerther Tradition gehören aber eben auch die vielfältigen Formen der Verehrung des Ortsheiligen, und die wurden über lange Zeiten - das ist ein Faktum - beeinflusst von den Legenden und Wundergeschichten der Marcellinus-Vita. Sie als "übles Machwerk" abzutun, wie dies seit dem 19. Jh. üblich wurde, wird ihrer Wirkung nicht gerecht. Sie soll daher mit dieser Ausgabe rehabilitiert werden. Die Wundergläubigkeit unserer Vorfahren können wir bei der Lektüre sicher nicht mehr teilen, aber vielleicht doch verstehen lernen, nämlich als Ausdruck von Hoffnung auf eine bessere Welt. Für ein Leben aus solcher Hoffnung hatten die Menschen in Kaiserswerth immer ein Vorbild: den hl. Swidbert. >>> Kapitel 1
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